banner yap-cfd
   
 

 

Erlebnisbericht

über einen Freiwilligendienst in Nepal bei NIFC (jetzt FFN)

"Da ist es also schon wieder vorbei…"
Reflektionen meines Volontärdienstes in Nepal

Sarah Liegmann wurde zusammen mit Dirk Barthel 2009 zu unserem Partner NIFC/Nepal über weltwärts entsandt. Sie wurde kurz nach ihrer Einführungswoche in einem Projekt, abgelegen in den Bergen des Himalayas, in der Nähe von Pokhara eingesetzt. Sie lebte auf engstem Raum in einer Gastfamilie und unterrichtete hunderte Treppenstufen höher in der Gebirgsschule.

Seit ich beim Saalfelder Diafestival 2005 Dieter Glogowski kennen lernen durfte und er über seine Erlebnisse in Nepal, den Buddhismus, den Hinduismus, die tibetische Kultur und das Himalaya Gebirge berichtet hatte, war ich begeistert von der Vielfältigkeit und den Menschen Nepals. Ich beschloss nach meinem Abitur 2009 nach Nepal zu reisen, um dort in einem sozialen Projekt zu helfen. Bei der mir bereits bekannten Organisation "Youth Action for Peace- christlicher Friedensdienst e.V.", kurz yap-cfd, fand ich, was ich gesucht habe. Yap-cfd bot zwei Plätze als Englischlehrer/in in Nepal verbunden mit dem ‚weltwärts'- Programm an. Ich bewarb mich im Dezember und hatte das Glück bei dem im Februar stattfindenden Auswahlseminar einen dieser Plätze zugesprochen zu bekommen. Am wichtigsten war mir, für einen längeren Zeitraum im Land meiner Wahl zu leben, um nicht aus dem Touristenauge zu blicken, sondern den Blickwinkel des Einheimischen zu fokussieren. In einem kleinen nepalesischem Dorf in den Bergen abgeschieden zu leben, ohne fließendes Wasser, Strom und komfortables Bett. Das alles auch, um den Luxus in Deutschland wieder schätzen und genießen zu können, sah ich mich vorher hier im Überfluss und Unmenschlichkeiten ersticken.

Nach einem sehr guten Vorbereitungsseminar fühlte ich, dass die Zeit reif war, zu gehen. Zur Eingewöhnung auf Nepal, durfte ich mit einem weiteren deutschen und einem japanischen Volontär eine Woche im Training-Center meiner Organisation ‚New International Friendship Club- Nepal', kurz NIFC, der Partnerorganisation von yap-cfd in Deutschland, in Kathmandu wohnen und mich erst einmal von der nepalesischen Mentalität berieseln lassen.
Wir bekamen einen dürftigen Basiskurs in Nepalesisch und wurden noch einmal über Do´s & Don't´s in Nepal aufgeklärt. Bei der selbst unternommenen Besichtigung von Kathmandu habe ich am meisten gelernt und es genossen, als wir einfach in eine Seitenstraße eingebogen sind und dort am Straßenrand einen "Chiyaa", eine Art süßer Schwarztee mit Milch, getrunken haben. Neben uns stand ein kleiner Tempel, der für ein wunderbares Flair sorgte. Als noch ein paar Kinder zu uns kamen und wir unsere ersten Brocken Nepalesisch anwendeten, hatte ich das Gefühle wirklich in Nepal angekommen zu sein und mich langsam auch etwas von diesem ‚Tourist-sein' abgrenzen zu können.

Die Schule in den Bergen
Von Kathmandu musste ich mich nach einer Woche verabschieden, um mit dem Bus ins 200 km entfernte Pokhara zu gelangen. Von da ging es nach Ghatchhinda, einem kleinen wunderschönen Dorf in dem Bergen, umgeben von zwei Wildwasserflüssen, wo ich die 10 Monate verbringen würde. Meine Gastmutter war eine fantastische Köchin, die aus dem wenig Gegebenen immer ein tolles Essen zauberte, des weiteren managte sie den Haushalt, versorgte die Ziegen und arbeitete als Hausmeisterin in meinem Schulprojekt. Eine extrem emanzipierte Frau für nepalesische Verhältnisse! Meine Gastschwestern, sieben und zehn Jahre, versüßten mir jeden Tag das Leben.
Was meine Tätigkeit in der Schule betraf, so war ich, nach einem anfänglichen kleinen Schock über die Verhältnisse, sehr glücklich. Gegen 10:15 Uhr startet die erste Unterrichtsstunde, was aber nur eine fiktive Zahl darstellt, wenn man bedenkt, dass keiner der Lehrer eine Uhr aufweisen konnte. Bis zur Mittagspause um 13 Uhr waren alle Unterrichtsstunden 36 Minuten lang, ab 14 Uhr ging es im 40 Minutentakt weiter, die Logik dahinter suche ich heute noch. Als Lehrerin meiner Schule hatte man keine Lehrbücher. Jede Stunde gingen die anderen Lehrer relativ ahnungslos in den Klassenraum und ließen sich von den Kindern zeigen, wo sie am Vortag aufgehört hatten. Wenn ich in die Klasse kam, rannten meist alle Schüler nach vorn an den Lehrertisch und zeigten mir stolz ihre Hausaufgaben, die ich dann großzügig abhaken musste, um ein Strahlen auf den Gesichtern der Kinder zu erzeugen. Großes Glück hatte ich bei der Anzahl der Schüler. Während ein anderer Volontär, mit dem ich in Kontakt stand, um die 50 Schüler in einer Klasse hatte, so fasste dies, geografisch bedingt, die Gesamtschülerzahl an meiner Schule zusammen. Wie überall gab es gravierende Unterschiede zwischen der Lese-, Schreib- und Sprachfähigkeit der Schüler, sodass ich bei zehn Schülern optimal auf jeden einzelnen eingehen konnte. In der ersten Woche bemerkte ich, dass die Schüler über keinerlei Grundkenntnisse in Englisch verfügten, auch wenn mir erklärt wurde, dass jedes Fach, außer Nepalesisch selbst, in englischer Sprache unterrichtet wurde. Dies war, meiner Meinung nach jedoch unmöglich, da nur einer von fünf Lehrern Englisch sprach. Da mein nepalesisches Vokabular in der ersten Zeit noch sehr rar war, kam keine richtige Kommunikation zwischen mir und den Schülern zustande. Ich, in Deutschland noch so voller Enthusiasmus und Ideen, merkte, wie ich mich ein bisschen von den anderen Lehrern lenken lies und auch lieber meine Zeit unter dem Baum verbringen wollte als im Klassenzimmer. Im ersten Monat hatte ich das Gefühl, die Kinder lernen nicht viel, so sehr ich mich auch anstrengte. Das machte mich oft traurig und lies mich nutzlos fühlen.

Nach ein paar Wochen las ich zufällig auf einem Poster "Lernen die Schüler nichts, so bist Du kein guter Lehrer" und so suchte ich die Schuld nicht mehr bei den Schülern, sondern gab sie mir, den schlechten Büchern, den anderen unmotivierten, verantwortungslosen Lehrern und der chaotischen Bildungspolitik. Seitdem hatte sich die Arbeit deutlich verbessert, immer Tendenz steigend. Ich hatte realisiert, dass vieles einfach Zeit brauchte. Die Kinder hatten am ersten Tag wahrscheinlich genauso einen Schock wie ich und mussten sich erst einmal an mich, meine Aussprache und Unterrichtsmethoden gewöhnen. Auch wenn mein Englisch gegenüber den anderen Lehrern besser war und ich kreativere Lernmethoden praktizierte, so verfügte ich doch nicht über pädagogische Kenntnisse, die sehr hilfreich und wichtig gewesen wären.

Das "Holi"-Fest in Kathmandu
Ab März war der Frühling mit etwas zu heißen Temperaturen in Nepal eingekehrt. Wir fuhren für einen Tag nach Kathmandu. Die graue, stinkende, chaotische Hauptstadt wurde in den Schein eines nach Blumen riechenden, zwitschernden Städtchens gehüllt und um das Ende des Winters zu zelebrieren, praktizierten die Hindus das "Holi" ("Heilige")- Fest, ein Tag der Farben (und des Wassers, weil die Puderfarben somit besser haften). Ich hatte bereits in Deutschland von diesem Fest gehört und fieberte der Feierlichkeit entgegen. Was ich nicht wusste war, dass die Nepalesen über die Jahre so einige Öl- Mix- Flüssigkeiten und gute Wurftechniken entwickelt hatten, die einem das Fest noch lange in Erinnerung ließen, sei es an der nicht von der Haaren weichende Farbe oder die natürlichen blauen Flecken am Körper. Knallhart wurde die Farbe in unsere Gesichter gerieben, in die Haare gestreut und wenn man nicht rechtzeitig Mund, Augen und Ohren zuhielt, landete der Farbenstaub auch dort. In der Zeitung hatte ich gelesen, dass sich Menschen im Tarai-Gebiet (Südnepal) mit Kuhdung bewerfen und so war ich froh gewesen in Kathmandu zu sein.
Als Mensch mit weißer Hautfarbe waren wir Magnet für alles, auch wenn man nach einer halben Stunde dies nur noch erkannte, weil bei uns die Farben kräftiger auf der Haut leuchteten. Leider ging es zum Teil aggressiv zu, da viele Nepalesen nicht mit dem Alkohol umgehen können, den sie an Feiertagen trinken. Hinzu kam der Übermut des Vergnügens, der manchen, sonst so schüchternen Nepali zum Grabschen bewegte, wie Fingerabdrücke auf meinem T-Shirt bewiesen. Irgendwann kam glücklicherweise ein Taxi vorbei, in das wir ohne zu zögern hineinsprangen und uns Deckung durch die Stadt gab. Den Taxifahrer störte es übrigens nicht, dass seine Sitze danach einen Papageien-Bezug hatten, im Fahrpreis hatte er mit sicherer Wahrscheinlichkeit schon die anfallenden Reinigungskosten einberechnet.

Der Abschied naht
Viel zu schnell waren die eingeplanten Monate vorüber gezogen, das Rückflugticket war gebucht und langsam musste ich mich darauf einstellen, nach Deutschland zurück zu gehen. Irgendwie realisierte ich in dem Moment als es an das Mitbringsel kaufen ging, wie viel ich vermissen würde. Hatte ich mich öfters über Strom, (Trink-)Wasser, Internet, Schokolade und andere fehlende Luxusgeschenke aus unserer westlichen Welt aufgeregt, so würde es doch keinen großen Verlust darstellen, wie mein lieben gelerntes Leben in Nepal zu verlassen. All die lächelnden, gemütlichen Menschen; das Himalayagebirge; Dhaal Bhat; Räucherstäbchen und Mantra-Gesänge; Kinder, die einen immer mit "Naamaaste" begrüßten; das chaotisch, dreckige Kathmandu mit seinen Kühen, Tempeln und Newari Häuserstil. Der Abschied fiel mir schwer und ließ sich nur mit dem Hoffnungsfunken der baldigen Rückkehr mildern.
An dieser Stelle muss ich noch einmal betonen, dass mein Aufenthalt schöner war, als ich es je zu träumen gewagt hatte. Auch wenn der letzte Monat von politischen Unruhen geprägt war und ich mich in dieser Zeit nicht immer wohlgefühlt habe, so wird Nepal den Platz als mein Shangri-La erst einmal nicht so schnell verlieren.
Wieder in Deutschland zu sein, war schwerer als gedacht. Zu sehr fehlten mir das Lächeln der Menschen und die Berge. Trotzdem hat sich das ergeben, was ich mir gewünscht hatte: Ich kann Deutschland und den Luxus wieder schätzen und freue mich über allerhand deutsche Luxusgüter. Mein Bewusstsein hat sich ein wenig verändert, auch wenn ich den Überfluss hier noch unverständlich finde, so sehe ich jetzt vieles als Privileg und versuche es zum Vorteil für Nepal zu machen, indem ich hier Aufmerksamkeit kreiere und Pakete nach Nepal schicke. Die private Vernetzung mit anderen Volontären war ein gelungenes Mittel zur Wiedereingliederung!

Sarah Liegmann